Ein Reiterhof für alle

Erfüllte sich mit „Vaka Heimur“ einen Traum: Stefanie Stumpf mit Islandpony „Erdferkel“. © Sabine Hermsdorf-hiss
Tiertherapie und Inklusion – Chancen für Menschen mit Down-Syndrom
03.06.2026, 06:00 Uhr
Von: Sabine Hermsdorf-Hiss
Aus Davids Liebe zu Pferden entstand in Eurasburg ein besonderer Ort: Ein inklusiver Reithof, an dem Mensch und Tier gemeinsam wachsen.
Eurasburg – „Erdferkel“ schaut interessiert auf das Geschehen vor ihrer Box. Simone Patzak fegt mit einem Reisigbesen den Boden. „Gut, David, jetzt bist du dran“, sagt sie zu dem jungen Mann neben ihr. Der 20-Jährige mit Down Syndrom setzt die Schaufel an, fröhlich lacht er dem Islandpony zu, krault es kurz und geht mit seiner Kollegin zum nächsten Stallvorplatz.
Ein Händchen für Pferde: Herzensprojekt für Inklusion und Gemeinschaft
Stefanie Stumpf beobachtet diese Szene voller Freude. Seit vergangenem Jahr führt die Reittherapeutin und Hauptschullehrerin mit Unterstützung von Günther und Petra in Eurasburg den Reitbetrieb „Vaka Heimur“ (Wachsame Welt). Streng genommen ist es David zu verdanken, dass es den Betrieb, dessen Betreiberin sich der Inklusion verschrieben hat, gibt. Als die Eltern des jungen Mannes sahen, welches Händchen David für die Pferde hat und dass er sich in ihrer Nähe ausgesprochen wohlfühlt, beschlossen sie, ihm ein eigenes zu kaufen.
Sie wandten sich an die Reittherapeutin, die damals im Stall auch eine der Einstellerinnen war. „Davids Mutter und ich flogen nach Island, um ein geeignetes Tier zu suchen, als am letzten Abend Günther anrief und nach Kalkulationen für einen Therapiereithof fragte.“ Stumpf ließ sich auf das Abenteuer mit Herzblut ein, und schon bald fuhren die Handwerker auf dem Hof vor und zeigten sich ebenfalls von der Idee begeistert. „Die Zimmerei Demmel sollte nur die Sattelkammer machen“, erinnert sich die 40-Jährige. „Aber sie haben gar nicht mehr aufgehört zu arbeiten.“ Auch die Nachbarn um den Reitstall hießen Stumpf mit ihren Plänen herzlich willkommen.
Mehr als nur Reittherapie
Das Angebot von „Vaka Heimur“ richtet sich an Kinder ab vier Jahren, die von unterschiedlichsten Einschränkungen betroffen sind. „Wir sind ein Ort der Achtsamkeit, wollen die Natur spüren und Nähe erleben“, erklärt Stumpf. Sie stellt Schulen den Betrieb als „Grünes Klassenzimmer“ zur Verfügung. Wie verhält man sich einem Tier gegenüber? Wie behandelt man es mit Respekt? Wo sind dessen, aber auch die eigenen Grenzen? „Die Pferde spiegeln das eigene Verhalten wider“, sagt die Reittherapeutin. Die 40-Jährige hat erlebt, dass ein Kind, das eher zu den Unruhigen gehört, plötzlich eine Dreiviertelstunde konzentriert bei der Sache war. „Wenn ich sehe, wie ein Kind mit Behinderung mit strahlenden Augen vom Pferd steigt, ist das für mich das Höchste. Wir wollen erreichen, dass Mensch und Pferd gemeinsam wachsen.“
Der Betrieb arbeitet auf Non-Profit-Basis. Als gemeinnützige Gesellschaft dürfen die Betreiber Spenden sammeln. Derzeit werden drei Therapieplätze so finanziert. „Dadurch hat jedes Kind, auch wenn die Eltern finanziell nicht gut gestellt sind, die Chance, diese besondere Verbindung zwischen Mensch und Tier zu erleben.“
Für die Zukunft haben die Betreiber weitere Pläne. „Wir könnten uns ein Ferienlager vorstellen, an dem Kinder mit Down-Syndrom teilnehmen. So wollen wir das Verständnis füreinander fördern.“ Zudem soll bald ein weiterer Mitarbeiter mit Handicap eingestellt werden. Stumpf: „Wir schauen nicht auf die Uhr, wie schnell eine Arbeit erledigt wird. Wir wollen einen Platz schaffen, wo jeder anerkannt ist.“ So wie David. „Hier ist er einfach er selbst“, sagt sein Vater. „Er ist David – der die Pferde versorgt, im Stall mithilft und alle zum Lachen bringt. Hier darf er normal sein.“ (sh)

Mit Spaß bei der Arbeit: David hilft beim Ausmisten mit. © Sabine Hermsdorf-hiss
